28 Januar 2021

Wunderbare Befreiung

Vielleicht ist es jetzt notwendig um über Befreiung zu sprechen. In dieser Zeit worin so viele Menschen sich irgendwie gefangen fühlen, in Systeme die sie nicht gewählt haben, in Einschränkungen die als bedruckend erfahren werden, in unsere Häuser die wir nur sparsam verlassen können. Wie kommen wir hieraus?

In dem Bibelbuch Apostelgeschichte, das nicht so oft in den Gottesdienste gelesen wird, aber spannende Geschichten enthält über die frühe Kirche, steht eine faszinierende Geschichte über den Apostel Petrus. In Kapitel 12 wird erzählt wie er von König Herodes Antipas (ein Enkel des Herodes aus unsere Weihnachtsgeschichte) verhaftet wird, ins Gefängnis gelangt und, gefesselt mit Ketten, von Soldaten bewacht wird. In der Nacht ehe er vorgeführt wird, tritt “ein Engel des Herrn” (wird gesagt) im Kerker, weckt ihn, und führt ihn nach draußen. Petrus folgt ihn, ohne zu wissen ob es Wirklichkeit ist was er erlebt, oder eine Vision. Es könnte für ihn nur so etwas wie ein Traum sein, auch das Abfallen der Ketten, das Öffnen des Tores. Aber wenn sie draußen auf der Straße sind, verließt der Engel ihn. In seiner plötzliche Einsamkeit kommt Petrus “zu sich”, wird erzählt, und bedenkt, dass das beste was er tun kann, ist sich so schnell wie möglich nach einem Haus von Gemeindemitglieder zu begeben, was er auch tut. Als er aber an die Tür klopft, wird es echt spannend. Eine Magd, derer Name noch immer bekannt ist, Rhode, erkennt seine Stimme, aber vor Freude macht sie das Tor nicht auf, sondern lief zu den anderen Anwesenden zurück, und berichtet das Petrus vor dem Tor steht. Sie denken dass sie verrückt ist, sie glauben ihr einfach nicht. Aber wenn sie darauf besteht, sagen sie: “Es ist sein Engel”. Sie werden aber aus ihren Überlegungen geweckt durch das andauernde Klopfen von Petrus, durch die Wirklichkeit von diesem Moment (kann man sagen), lassen dann auch Petrus hinein, und werden von ihm selber von der Wahrheit des Geschehens überzeugt. Später wird auch den anderen berichtet was passiert ist. Und seitdem lebt diese Geschichte im Gedächtnis der Gemeinde fort.

Vielleicht verlangen auch wir nach einer vergleichbare Befreiung. Wir sitzen zwar nicht im Gefängnis, sind nicht mit Ketten gebunden, sind aber in unsere Bewegungen gehemmt, und verlangen allen nach einer neuen Freiheit. Eine Pandemie wie jetzt haben wir noch nie erlebt, und wissen auf die lange Dauer auch nicht gut, wie wir damit umgehen können. Viele (vor allem junge) Menschen werden aggressiv von dieser zwanghafte Unfreiheit, und haben vielleicht auch wenig in sich um eine neue Ausfüllung ihres Lebens in diese komplizierte Situation zu entdecken.
Gibt es dann so etwas wie Engel, die uns nach draußen führen?

In der genannte Geschichte gibt es eigentlich zwei verschiedene Arten von Engel, wenn wir genau lesen. Der erste Engel ist tatsächlich der Engel der Petrus aus dem Gefängnis befreit. Von ihm kann man sagen dass er im Namen Gottes kommt; er wird auch “ein Engel des Herrn” genannt. Wenn er so etwas wie Wunder bewirkt, so wie in unsere Geschichte, dann geht es um etwas, wonach wir Menschen bewusst oder unbewusst verlangen, aber kaum glauben dass es passiert wenn es passiert. So wie Petrus nicht weiß ob es ein Traum ist die er erlebt, oder Wirklichkeit. Wenn der Engel ein Wunder bewirkt, dann kommen eigentlich zwei Ebenen bei einander: dann beantwortet Gott das tiefste Verlangen von Menschen. In unsere Geschichte schenkt Gott (oder sein Engel) Befreiung an Menschen die auf ihn vertrauen, die ihm treu sind, ohne dass man sagen kann, dass diese neue Freiheit die Frucht der Treue ist. Im Wunder gibt es keine Bedingungen, es ist und bleibt ein Wunder, wenn “so etwas” Menschen passiert. Aber dennoch vermuten wir so etwas wie die Anwesenheit Gottes in diesem Verlauf der Dinge. Und können diese vermutete Anwesenheit nur beantworten mit Dankbarkeit und Treue. Eine Treue die sich äußert in Respekt für Menschen, in eine Umsicht die heilsam ist.

In diesem Sinne könnte in der heutigen Zeit die Arbeit an die neue Impfstoff als eine von Gott gegebene Möglichkeit an Menschen erfahren werden. Genau so wie die Menschen die ihre Kranken betreuen und betreut haben, oft mit großen Risiken für ihr eigenes Leben, so ungefähr wie Engel betrachtet werden. So wie in der lange Geschichte der Menschheit immer wieder “Engel” an uns erschienen sind, die uns betreut und befreit haben. Die uns als im Namen Gottes erschienen sind, genau im richtigen Moment. Oder vielleicht auch etwas spät, aber genau so hilfreich und willkommen, wie wir immer gehofft haben. Diese Geschichten mit den Engeln sind noch nicht am Ende: sie gehen weiter, wo immer Menschen ein Herz für anderen haben, bereitwillige Hände, und dazu auch noch so etwas wie Vertrauen auf Gott.

In der Geschichte von heute kommt auch noch ein andere Engel vor: wenn die anderen im Hause “nur” den Engel von Petrus vermuten. Er kann es nicht selber sein, der an die Tür klopft, denken sie, er sitzt gefesselt im Gefängnis, es muss sein Engel sein, der das tut. Wer kann dieser Engel sein, der hier unerwartet kommt?

Das erste woran wir vielleicht denken, das ist dass es hier um so etwas wie ein Schutzengel geht. Aber das kann es hier kaum sein, weil er hier ganz getrennt von Petrus auftritt, ihn nicht selber warnt oder schützt, oder ihn irgendeine Botschaft erteilt.

Es ist auch unwahrscheinlich, dass die Menschen im Hause nur so etwas oberflächliches sagen, als ob es nicht wichtig sein konnte was ihnen berichtet wurde.
Es muss hier also um eine uns fast unbekannte Entität gehen: ein Engel der für eine Person steht, der selber auch abwesend sein kann. Er könnte so etwas wie eine himmlische Doppelgänger(in) sein, der von Zeit zu Zeit zu uns kommt. Das ist, für uns, vielleicht eine fremde Gedanke, aber biblisch gesprochen nicht so fremd als es aussieht. In Matthäus 18: 10 wird über verletzbare Kinder gesagt: “Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters”. Es könnte also sein, dass nicht nur verletzbare Kinder, sondern auch im allgemeinen wir Menschen so etwas wie einen himmlischen Doppelgänger haben, der (um so zu sagen) nicht nur Gott ansieht, aber auch uns selber. Das ist natürlich eine spekulative Gedanke, die an sich biblisch gegründet ist, in urchristliche Kreisen aber manchmal weit verbreitet wurde. Und manchmal hilfreich um das komplizierte Leben zu bewältigen.
So könnte diese Gedanke des himmlischen Doppelgängers uns jetzt helfen, um uns einfach zu fragen, was wir selber in diese Zeit am besten tun können. Oder einfach gesagt: ob wir so etwas wie eine Befreiung für uns selber bewirken können, in dieser Zeit von harten Einschränkungen. So könnte ein spontanes und imaginäres Gespräch stattfinden zwischen unser gefangenes Ich, sich bewusst von alle Begrenzungen, und unser “himmlische” Selbst, das uns unsere beste Möglichkeiten zeigt; wie wir am besten sein können. Um uns den Weg zu einer neue Freiheit zu öffnen. Damit wir wirklich uns selbst sein können, wie im Angesicht Gottes. In aller Ehrlichkeit gegenüber uns selbst, in aller Vertrauen an Gott, und in aller Verfügbarkeit für Menschen. Damit es uns allen gut geht.

Severien Bouman

Gerelateerd