27 April 2021

Die Freude der Erkennung

In dieser Zeit zwischen Ostern und Pfingsten (wir sind jetzt ungefähr halbwegs) ist es mir immer wichtig aufs neue die Geschichte der Begegnung von Jesus und die Jünger von Emmaus zu lesen. Lukas beschreibt diese im 24sten Kapitel seines Evangeliums. Ich finde es eine rührende Geschichte, genau weil hier, noch stärker als in die andere Auferstehungsgeschichten, das nicht-wissen, das nicht-verstehen, das nicht-sehen im Vordergrund stehen. Die Jünger die hier zur Sprache kommen, sind noch einfach traurig über den Verlust ihrer geliebten Meister, sie wissen nicht was sie denken sollen von den Geschichten die über ihn erzählt wurden, und gehen dann einfach zurück nach Hause, in der Hoffnung so etwas wie das normale Leben aufnehmen zu können. Es scheint, als ob ein Kapitel ihres Lebens definitiv abgeschlossen ist, und nur noch die Erinnerungen bleiben. Unterwegs aber sprechen sie mit einem unbekannten Mann, laden ihn ein bei ihnen zu bleiben, weil es fast Nacht geworden ist. Und wenn dann das unwahrscheinliche passiert, dass der Gast als Gastgeber auftritt, nach dem Segen das Brot bricht, dann auf einmal erkennen sie ihn, als denjenigen um wem sie trauern und gleichzeitig entdecken, dass er bei ihnen ist. Unterwegs und jetzt. Aber genau dieser Moment der Erkennung ist auch der Moment des Abschieds, ein Abschied aber als ein Wissen dass er bleibt, dass er lebt.

Natürlich kann eine Geschichte wie diese auch die schärfste kritische Fragen bei uns erwecken. Die müssen auch gestellt werden, mindestens einmal in unserem Leben, und vielleicht öfter. Aber manchmal auch entdecken wir, dass es auch Erfahrungen gibt, auch eigene Erlebnisse, die unsere kritische Fragen durchkreuzen, und uns eine Bedeutung entdecken tun, in was wir erleben únd in was wir hören und lesen, die über unsere Fragen hinausgeht. Diese Bedeutung entdeckt neues, erschüttert manchmal, und bleibt oft für immer bei uns. Als ob auch unsere Augen geöffnet werden, und wir gleichzeitig wissen, dass etwas Wichtiges für immer bei uns bleibt.

Auf eine sehr besondere Weise kommt diese Erfahrung der Jünger von Emmaus zur Sprache in der berühmte Novelle von Georg Buchner: Lenz. Auch das ist eine Geschichte die ich jedes Jahr aufs neue lesen muss; als eine faszinierende Andachtsübung in Feinfühligkeit, die die wirklich grosse Literatur immer gibt. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, Lenz (der wirklich gelebt hat), ein Schriftsteller,  sehr zart bis auf der Grenze des Wahnsinns, ein Theologe überdies, der aufgenommen wird im Hause eines Pastors in der Elsass. Auf einem gewissen Moment spricht Lenz von den Bildern die er am meisten liebt, von Holländische Maler. Auf eine ist davon ist Christus und die Jünger von Emmaus abgebildet. Er beschreibt das Bild, und am Ende sagt er: “… er bricht das Brot, da erkennen sie ihn, in einfach-menschlicher Art, und die göttlich-leidenden Züge reden ihnen deutlich, und sie erschrecken, denn es ist finster geworden, und es tritt sie etwas Unbegreifliches an, aber es ist kein gespenstisches Grauen; es ist wie wenn einem ein geliebter Todter in der Dämmerung in der alten Art entgegenträte ….”

Vielleicht können wir nur in solchen langen Sätze über solche Erfahrungen, solche Offenbarungen, reden. Um zu versuchen zu umschreiben, was einem trifft. Weil es nicht in ein einziges Wort zu fassen ist, oder in einem kurzen Satz, der vielleicht nicht zart genug ist um das Wunder, das Unbegreifliche auch, zu fassen. Mit genug Raum zwischen den Worten, um das Wunder erscheinen zu lassen. Um, so wie hier, etwas von dem Unbegreifliche, aber auch Erfreuende zu fassen. Als etwas das bei uns bleibt, und Richtunggebend ist für längere Zeit, vielleicht für ein ganzes Leben. So wie ein geliebter “Todter” (wie Buchner schreibt) bei uns bleibt.

Auf eine gewisse Weise begegnete mir diese Erfahrung von Lenz vor kurzem bei einem Trauerfeier in unserer Kirche. Ein kleines Mädchen hatte eine Zeichnung für ihren Grossvater gemalt, mit allen Bildern worin sie sich ihn erinnerte, und vor sich sah: Stern, Vogel, ein Häuschen bei dem Meer, Gummibeeren. Und noch viel mehr, in wunderschönen Farben. Darüber erzählte sie, unbefangen, voller Freude, und mit einer Dankbarkeit so wie vielleicht nur Kinder diese erfahren. Als ob ein geliebter Toter ihr wieder entgegentrat. Um bei ihr zu bleiben. Einfach, in aller Freude.

Severien Bouman

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