2 März 2021

Segen

Einer der schönsten Bibeltexten ist für mich ein Satz aus der Prophetie von Jesaja,: “So spricht der Herr: Sobald sich Saft in der Traube findet, sagt man: Verdirb sie nicht, denn es ist Segen darin.” (Jes.65,8).

Es ist, wie so oft, ein scheinbar einfaches Bild: wir verstehen es als den Aufruf um die Trauben so lange zu bewahren und zu hegen, als es noch Saft darin gibt. Noch Most, wie schon Luther es übersetzt hat. Es ist der tröstende Aufruf um das Leben zu bewahren, in der Natur, in den Dingen um uns herum, und letztendlich auch in uns selbst, so lange es noch eine Hoffnung auf Leben gibt. In den Text aus Jesaja wird dieses Bild benutzt, als Ausdruck eines Glaubens, dass auch Gott so mit uns umgeht: um in uns das Leben zu bewahren, das noch da ist. Damit auch die Hoffnung Gottes selber nicht verloren geht: so lange es noch Leben in Menschen gibt, gibt es auch für Gott noch die Hoffnung, dass wir an seine hohe Erwartungen beantworten. Dass wir mindestens versuchen seine Wille zu tun, und uns in Gerechtigkeit und Liebe üben, um mit einander eine getreue Gesellschaft zu werden.

Eine der Schwierigkeiten in den Text, und deshalb auch in die Übersetzungen davon, hat mit dem Faktor Zeit zu tun. In unsere Übersetzung steht das Wort ‘sobald’. Das deutet auf so etwas wie ein Anfang: sobald man Saft in der Traube findet, müssen wir diese nicht verderben. Wir können uns aber vorstellen, dass es auch später diese Weisung geben kann: so lange es noch Saft in der Traube gibt. Oder überhaupt: wenn es noch Saft gibt. So (ohne zeitliche Begrenzungen) übersetzt Martin Buber: “findet sich Most in der Traube…”. So verstanden, könnte man sagen: dieser Satz von Jesaja ruft uns auf das Leben zu hegen wo es Leben gibt. Am Anfang oder am Ende, und alle Momente dazwischen: um überall wo es Leben gibt, auf so etwas wie Segen zu hoffen. Dass dieses Leben eine Wohltätigkeit um sich her verbreitet, die vielen gut tut. Dass dieses Leben einen guten Einfluss ausübt auf allen die damit in Berührung kommen.

Ich musste an diesen Satz von Jesaja denken, als an einen tröstenden Text für uns allen in dieser Zeit, wo so vielen Menschen krank sind und sterben; wo es soviel Hoffnungslosigkeit gibt, wo viele Menschen nur all zu sehr bereit sind um mehr Hoffnung aufzugeben als nötig ist. Wo viele Menschen auch mehr negative Gefühle um sich her verbreiten, als hilfreich ist. Es gibt noch immer Saft in der Traube, könnte man sagen. Es ist noch immer möglich um ein bisschen Liebe und Hoffnung um sich her zu verbreiten. Damit wir einander nicht in eine negative Spirale nach unten ziehen, sondern helfen ein bisschen Vertrauen in eine sinnvolle Zukunft zu behalten. Damit wir die lebendige Säfte in uns selber bewahren, und in anderen hegen, um die Hoffnung auf eine bessere Welt zu behalten.

So etwas wünsche ich euch heute zu.

Severien Bouman

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