6 April 2021

Ostern – das Gerücht von den wahren Dingen

Was können wir heute noch von Ostern verstehen?

Fast jedes Jahr, wenn ich mich vorbereite auf Ostern, fällt mir den grossen Unterschied auf zwischen das Wort ‘Auferstehung’ und die biblische Geschichten die darüber handeln. Das Wort ‘Auferstehung’ hat für mein Gefühl etwas abstraktes, als etwas was wir uns nicht vorstellen können: dass ein Toter wieder lebendig wird. Es ist ein Wort das zur Auslegung einlädt (oder zwingt), zu einem manchmal mühsames Gespräch über etwas das wir kaum verstehen können. Geht es in der Bibel wirklich darum?

Wenn ich aber die biblische Geschichten selber lese, dann fällt mir auf wie Menschen versuchen ihre Verwirrung über Geschehnisse die sie nicht verstehen, die aber ihnen in die Tiefe ihrer Seele trifft, mit einander zu teilen, und zu besprechen. Was passiert dann eigentlich?

Wenn wir zum Beispiel aus dem Evangelium nach Johannes die Geschichte von Ostern lesen, Kapitel 20, dann geht es darin vor allem über Geschehnisse, worüber sie an einander erzählen, an einander zeigen, in der Hoffnung von einander Hilfe zu bekommen im Verständnis von etwas das sie noch nie erlebt haben. Es fängt mit der Entdeckung einer Frau an, dass das Grab Jesu leer ist. Schnell geht sie zu den Jüngern, um darüber zu berichten, und vielleicht von ihnen eine Erklärung darüber zu bekommen. Aber auch diese wissen nicht was passiert ist, und dann gehen auch sie, zwei von ihnen, zum Grab. Der eine schneller als der andere. Der erste der am Grab kommt, kuckt hinein und sieht dass es tatsächlich leer ist: er sieht nur die Leinenbinden liegen. Bevor er Worte für sein Erstaunen gefunden hat, geht der andere wirklich hinein in das Grab, das in einem Felsen ausgehauen sein muss. Er nimmt sich die Zeit um etwas genauer hinzuschauen: auch er sieht die Leinenbinden, aber auch dass das Schweisstuch auf einer andere Stelle liegt. Was das bedeutet weiss er nicht. Dann kommt auch der andere ins Grab hinein, und dann schreibt Johannes: “er sah und glaubte”. Und gibt selber als Erklärung, dass sie damals noch nicht wussten dass er (Jesus) “von den Toten auferstehen musste”.  Ihre verwirrende Erfahrungen sind also noch nicht auskristallisiert zu einer deutliche Gedanke, oder zu einem Dogma in der Kirche.

Vielleicht verdeckt das Dogma eine viel mehr zu uns sprechende Erfahrung von Menschen. Es ist wichtig um zu sagen, dass Johannes in seiner Geschichte verschiedene Wörter für ‘Sehen’ benutzt um die Erfahrungen der Jünger zu beschreiben. Erstens eine Art von globales Sehen: das etwas passiert ist, und was. Zweitens das genauere Betrachten dessen was man sehen kann, und damit auch die Besonderheiten davon. Und drittens eine Art von Sehen, die auf die erste Formen von Sehen stuhlt, diese auch ernst nimmt, aber auch darüber hinaus geht, in eine Art von Verständnis. Wenn Menschen wirklich verstehen, was der Sinn ist von allem was sie gesehen haben. Was der Zusammenhang ist, von allem, und was das für ihr Leben bedeutet. Dann wird es für Johannes möglich sein um den Zusammenhang auszusprechen zwischen Sehen und Glauben. Ein Zusammenhang die alles aufnimmt was gesehen wurde, was wirklich passiert ist, aber gleichzeitig im Stande ist, eine neue Bedeutung zu geben an diese manchmal schockierende Erfahrungen. So wie hier eine neue Aussicht auf den Zusammenhang zwischen Leben und Tod dieses so besonderen Menschen. Als ein neues Wissen, dass Gott tatsächlich bei ihm war, in seinem Leben, und auch weiter bei ihm bleibt. Und durch den Glauben in ihm auch bei uns bleibt. In eine neue Form von Leben. Als mit neuen Augen sehen wie Gott bei uns ist.

Vielleicht ist es möglich einen Verband anzubringen zwischen diese verschiedene Weisen von Sehen und Glauben die Johannes zur Sprache bringt und einen wunderbaren Ausdruck von Walter Benjamin. In einen langen Brief an seinem Freund Gershom Scholen (von 12 Juni 1938) spricht Benjamin über seine Faszination durch die Bücher von Franz Kafka. Darin benutz er den Ausdruck “das Gerücht von den wahren Dingen”, als eine Kennzeichnung für diese Schriften. Dieser Ausdruck hat natürlich etwas paradoxes: von einem Gerücht kann man nie wissen ob es wahr ist, und wenn dann von einem wahren Gerücht gesprochen wird, was bedeutet das dann? Ich glaube dass hier so etwas gemeint wird, dass wir, in bestimmten Fälle, vielleicht nie die genaue Wahrheit über erlebte Geschehnisse kennen können, dennoch aber gleichzeitig vermuten, dass diese ungeahnte und nie erlebte Erfahrungen eine Bedeutung für uns haben, die wir unbedingt kennen mögen. Vielleicht dauert es lange Zeit, vielleicht so etwas wie ein halbes Leben, aber es kann so wichtig für uns sein um uns damit zu beschäftigen. Als ob die Lösung unseres Lebens, oder so etwa sie der Sinn davon, abhängig ist von unserer Beschäftigung mit diesem Geheimnis.

So etwas kann vielleicht auch das Geheimnis von Ostern für uns sein. Als ein Geschehnis das wir nicht ganz verstehen können, mit unserem Verstand, das aber dennoch zu uns spricht. Um uns etwas zu sagen über die grenzenlose Bedeutung des Lebens, von diesem einzigartigen Mann von damals, aber gleichzeitig auch von uns selber. Als ein Wissen von Dingen, die auch wir vielleicht sehen können durch unseren Tränen hindurch. Als ein Wissen von Dingen die zu uns gesagt werden, durch alle Wahrheiten und alle Unwahrheiten hindurch. Als ein Wissen von einem Geleitet-werden durchs Leben, etwas ahnend vom Geheimnis Gottes.

Lass uns so Ostern feiern, auch dieses merkwürdige Jahr, auch auf Abstand verbunden mit einander, und genährt durch eine wunderbare Kraft Gottes.

Severien Bouman

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