10 November 2020

Ein Größerer

In diese Woche gedenken wir die sogenannte Reichskristallnacht, die Nacht von 9-10 November 1938, worin in viele Städte Deutschlands Synagogen geschändet wurden, Häuser von jüdischen Mitbürger zerstört, Bücher verbrannt, und Menschen verwundet und getötet. Es war, wenn nicht schon der Anfang, dann doch die Bestätigung einer Atmosphäre die vernichtend wurde für so viele Menschen.

Das erste Mal dass ich davon hörte, war bei der Lektüre von Paul Celan, mit wessen Gedichte ich mich manchmal sehr beschäftigt habe. Er war in 1920 in der Bukowina geboren, in der Hauptstadt Czernowitz, und wollte in 1928 in Frankreich Medizin studieren. Er musste reisen über Krakau und Berlin und kam dort am 10 November 1938 an. Später schreibt er darüber:

“Über Krakau/ bist du gekommen, am Anhalter/ Bahnhof/ floß deinen Blicken ein Rauch zu, / der war schon von morgen.”

In so wenige Worten kann man ein Leid hervorrufen, das ihn damals und sein Leben lang getroffen hat. Seine Gedichte zeugen davon, beeindruckende Dokumente eines Menschen, der in seine wunderschöne Deutsche Sprache einen Ausweg gesucht hat für die Schmerzen die immer bei ihm blieben.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris ging Celan nach Tours um zu studieren. Dort, erschüttert von den Geschehnisse in Berlin, und ziemlich einsam und hoffnungslos, schreibt er Anfang Dezember einen Brief an seinem Freund Gustav Chomed. Dieser Brief ist ein Beispiel eigentlich, wie man um Hilfe bitten kann, an einem Gott, der dennoch nah ist. Er schreibt:

“In Paris, wo ich auch oft traurig war, traurig und bekümmert, ging ich in eine Kirche. Meist war es Notre-Dame. Da geschieht es nun, daß man zwar nicht von einer Bangnis erlöst wird, nein, im Gegenteil, es ist so, daß man eine größere Bangnis fühlt, eine geläuterte Angst, die ein Größerer als wir trägt. Dann ist es, als müsste man Jenem eine Last von den Schultern nehmen oder aus den Händen, oder ein Stück Trauer aus seinem Blick oder die Schwerfälligkeit seines fliegenden Atems. Und Jener sind ja wir fast alle.. Es ist fast wie aus Eigensinn, wenn wir ihm helfen.”

Es ist erstaunlich wie ein so junger Mensch wie er, in dieser Situation, sich nicht nur an Gott wendet, in dieser Kirche, sondern sich auch von Ihm getragen weiß. Und auch noch dazu ein Bild von Gott entwirft, wie wir ihn helfen können, wir zusammen. Vielleicht war es ihn möglich, auch noch in den Jahren danach, an diesem Gott sich festzuhalten. Vielleicht können auch wir darauf vertrauen dass wir, in unserer Not, von ihm getragen werden, und stellvertretend für ihn Dasein, überall wo Menschen in ihrer Einsamkeit sich kümmern um diese Welt in Not. Um dennoch zu wissen von einem Größerer als wir, an wen wir uns wenden können.

Severien Bouman

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